• Welche neue Medikamenten-Studien werden 2018 kommen (Vortrag von Professor Dr Thomas Meyer)

 

Levosimendan (Orion Pharma) … Dieser Wirkstoff ist als Tabletten verfügbar, wurde bisher zur Behandlung von Herzinsuffizienz eingesetzt und beruht auf einer Aktivierung von Troponin C, einem wichtigen Bestandteil der Skelettmuskulatur. Levosimendan setzt somit direkt an der Muskulatur an. Es kräftigt die verbliebene Muskulatur, und hat in einer vorherigen ersten Studie vor allem seinen positiven Einfluss auf die Atemfunktion und die Atemmuskeln gezeigt. Diese Funktion  könnte somit länger erhalten bleiben. Es soll gut verträglich sein. Die REFALS-Studie wird ab Sommer 2018 auch in der Charité Berlin, sowie in anderen ALS-Ambulanzen starten

 

Fasudil  könnte theoretisch die Neurodegeneration der Motoneurone  verzögern und könnte damit einen positiven Einfluss auf die Überlebenszeit haben. Dies soll nun in der sogenannten ROCK-Studie, ab 2018 untersucht werden. Der Wirkstoff Fasudil wird als  Infusionen verabreicht werden und ist somit etwas schwieriger und aufwendiger in der Verabreichung. Näheres über die Verträglichkeit ist noch unbekannt.

 

Masitinib ist ein Medikament, welches schon länger bei andere Krankheiten eingesetzt wird. Seit Jahren wird Mastinib in einer ersten Studie (Frankreich und Spanien)  an ALS Patienten verabreicht, aber die wissenschaftliche Studie über die Wirksamkeit  ist immer noch nicht abgeschlossen. Mastinib kommt aus Frankreich. Es soll den Verlauf der ALS verlangsamen. Wie effektiv der Wirkstoff nun tatsächlich ist, ist auch noch nicht gewusst. Über die Vertäglichkeit ist auch noch nichts bekannt worden. Wann nun die wichtige Phase 2 Studie beginnen soll, ist noch nicht bekannt.

 

Relesemetiv setzt auch wieder an der Muskulatur an: es soll die Muskulatur kräftigen und dies wäre  v.a  wichtig für den Erhalt der Atemfunktion. Dieses Medikament wäre besser verträglich als sein Vorgänger Tirasemtiv und hätte keine so massiven Nebenwirkungen mehr …. wann eine erste Studie mit Relesemtiv starten wird, ist noch nicht bekannt.

 

Arimoclomol hat wiederum ein anderes Wirkmechsnismus: es setzt an der Proteinablagerung im Nervensystem an und soll die schädlichen Proteinablagerungen verhindern. Es wird wohl am ehesten bei der famili!aren ALS (bei Patienten die an der Genmutation SOD1 leiden) eingesetzt. Es soll somit eine Verlangsamung der ALS bewirken und wird als Tablette erhältlich sein. Wann eine klinische Studie starten soll, ist noch nicht gewusst.

 

2) Behandlungsinnovationen (Vortrag von Prof Dr Meyer)

 

  1. a) Edavarone (Radicut) ist in Japan und in den USA offiziell zur Behandlung von ALS zugelassen. Trotz einer fehlenden Zulassung von Edavarone in Europa, ist dieses Medikament nun seit Sommer 2017 als Einzelimport auch in Deutschland verfügbar (wird, wenn Erlaubnis vorliegt speziell aus Japan importiert). Studien in Japan und in den USA haben in den letzten Jahren einen moderat positiven  Effekt auf die Krankheit  ALS gezeigt. Bei einer bestimmten Subgruppe von Patienten verlangsamt Edavarone die Progression der ALS jedoch um etwa 30%, was schon bemerklich ist.

Zu dieser Subgruppe  gehören folgende ALS-Patienten :

  • Krankheitsdauer weniger als 2 Jahre und noch nicht zu starker Funktionsverlust auf der ALS-Funktionsskala
  • noch gute Atemfunktion (Vitalkapazität > 80%)
  • mittlere Erkrankungsgeschwindigkeit (nicht zu schnell und auch nicht sehr langsam)

 

Es gibt bei diesen Patienten sehr wohl Hinweise dass das Medikament auch einen nachhaltigen Effekt hat… (also auch auf Lebensdauer) . Edavarone ist also vor allem für diese Patienten geeignet.  Die Einnahme von Edavarone ist etwas aufwendig und herausfordernd, da der Wirkstoff über Infusion verabreicht wird. Es wird von den Patienten im allgemeinen sehr gut vertragen. Mit Edavarone steht nun also endlich ein neues erkrankunsmodifizierendes ALS-Medikamemt zur Verfügung.

 

71% der befragten Patienten, würden Edavarone weiterempfehlen.

 

  1. b) Nabiximols (z.B. Sativex) sind cannabishaltige Medikamente (mit Wirkstoff THC und CBD) gegen Spastik und Spastikbedingter Schmerzen, wenn andere klassische Medikamente und Therapien die Spastik nicht lindern können.

Cannabis hat eine muskelentspannende, entspannende (schlafanstoßende), und antiemetische Wirkung. Man sollte jedoch eher ein richtiges Medikament (wie z.B. Sativex  nehmen und nicht Cannabis-Blüten rauchen, da man nur dabei eine geneue Dosis von Cannabis zu sich nimmt.

 

  1. c) In der ALS-Ambulanz der Charité wurde nun eine ALS-Selbstbewertungsskala  entwickelt (ALS Functional Rating Scale, ALS-FRS), die von den Patienten von zu Hause, onlien,  aus erhoben werden kann.  Diese Onlinepatientenbewertung der ALS-FRS, erleichtert den Patientn, Angehörigen und Hausärzten das Leben, ist objektiv und  unterstützt auch  zusätzlich die Forschung. Diese Skala ist sehr wichtig für die Abschätzung des individuellen Krankheitsverlaufs und zur Unterstützung von Behandlungsentscheidungen.

 

  1. Hustenassistent (Cough-assist) sollten bei Hustendefizienz und reduzierter Vitalkapazität früh genug und präventiv eingesetzt werden. Man soll nicht warten bis die Lunge komplett verschleimt ist, sondern auch schon fr!uhzeitig damit „!uben“.  Der Hustenassistent ermöglicht eine „Gymnastik“ der Atemmuskulatur, ist wichtig für das Sekretmanagement, und ermöglicht somit eine bessere Durchlüftung der Lunge.

 

  1. Physiotrerapie, Egrotherapie sind sehr wichtig. Thera-Trainer , Moto-med, Bewegungstrainer sollten regelmäßig genutzt werden.

 

  1. f) Robotik bei der ALS (robotik-unterstützte Assistenzsysteme) wird immer eine größere spielen, z.B die Arm- Rokotikarm … dieseAssistenzsysteme sind mit mit einer gewissen Intelligenz ausgestattet, damit der Roboter selbsständig helfen kann (z.B. das Anreichen von Geräten, Kratzen am Kopf…)

 

3) ALS-Grundlagenforschung : potentielle Ursachen der ALS   (Vortrag von Christopher Seckert)

Die potentiellen Ursachen der ALS sind vielfältig :

  1. a) genetische Ursachen der ALS

Anbei die häufigsten der bisher bekannten Gene, die betroffen sein können, und somit zu neuronalen Proteineinschlüssen in betroffenen Zellen dei der ALS : SOD1 ;    TPD-43 ;   FUS  ; C9orf72 RNA und Dipeptide

 

 

  1. b) molkulare Ursachen der ALS

– Überbelastung der zellulären Proteinhämostase

  • DNA-Schädigung und ineffiziente DNA-Reparaturmechanismen
  • Nervenzellschädigung durch gesteigerte Glutamataktivität
  • Mitochondrien-Fehlfunktion
  • neuronale Immun- und Entzündungsreaktionen
  • Fehlfunktion von Motoneuronen-Helferszellen
  • Funktionsstörung der RNA-bindenden Proteine

 

Nachweisbarkeit bei manchen ALS-Patienten :

– Bei 10% der ALS-Patieten liegt eine genetische Ursache zu Grunde. Dies kann in einer Genanalyse mit 50% Treffersicherkeit festgestellt werden.

-Neurofilament L : durch die Neurodegenerierung ist dieser Biomarker im Serum und Gehirnwasser nachweisbar bei vielen ALS-Patienten. Wichtig wäre dieser Test v.a bei unklarer Disgnose. Die  Genauigkeit der Biomarker ist aber noch umstritten und zur Zeit noch  zu ungenau

-ALS  als Autoimmunerkrankung (autoantikörper vermittelte Encephalitis). Bei einer kleinen Gruppe von ALS-Patienten ist dies der Fall. und das wäre evtl behandelbar

 

4) offener Austausch und spezielle Fragen aus dem Publikum

 

Frage 1 :  Ist ALS immer kontinuierlich oder gibt es auch einen schubweisen Verlauf bei der ALS ?

Prof Dr Meyer : ALS ist keine Krankheit wie MS (da gibt es einen echten  „biologischen“ Schub, wo nix mehr geht und danach eine Verbesserung der Symptome)

Bei ALS werden die Motoneurone kontinuierlich abgebaut, aber die Funktionsverlust und die Auswirkungen im Leben jenes einzelnen Patienten, die können schon schubweise kommen oder so bemerkt werden (der berühmte  letzte Tropfen:  von einem auf den anderen Tag kann man nicht mehr greifen oder stehen )… Also gibt es schon ein schubweises- stufenweises Erleben der ALS…

 

Frage 2 : Prognose bei der ALS , wie wird die ermittelt?

Prof Dr Meyer : Der Neurologe ermittelt das Fortschreiten der Krankheit mit Hilfe des ALS-FRS .. (mit den 12 Fragen des ALS Functional Rating Scale) . Daran macht er dann die  Prognose aus …[Je nachdem wie groß der Punktwertverlust innerhalb kurzer Zeit ist, desto schneller ist die Progressionsrate bei diesem Taient)

 

Frage 3 : Etiologie der ALS? Eine Ursache oder viele Ursachen?

Prof Dr Meyer : Eine multifaktorielle Ursache ist wahrscheinlich ; ein Teil ist sicherlich genetisch bedingt, ein Teil ist auch  immunologisch / molekularisch oder umweltbedingt. Metabolische , komplexe und kombinierte Ursachen kommen jedoch auch in Frage.

Daher sollte man eher von  einem ALS-Syndrom sprechen, das zeigen  auch die verschiedenen Typen und Untergruppen der ALS, und die unterschiedlichen Verläufe (schnell, langsam) bei der ALS  : z.B die Flail-Arm-ALS kommt überwiegend bei Männern vor, im Verhältnis  9:1; das muss ganz klar etwas mit dem Y-Chromosom oder Testosteron zu tun haben)

Wenn die Ursachen und die Verläufe so unterschiedlich sind, so müsste es doch eigentlich auch verschiedene Behandlungen geben.

Wahrscheinlich werden die genetischen Varianten der  ALS in Zukunft am ehesten zu behandeln sein .

 

Frage 4 : Genetik und ALS

Prof Dr Meyer : Die Trefferwahrscheinlichkeit liegt derzeit bei 50% (d.h man kennt nur 50% der ALS-Gene) …Ein Gentest ist immer eine persönliche Entscheidung, und eine sehr schere Entscheidung mit eventuell schweren Auswirkungen, gerade bei Menschen die NOCH nicht krank sind … Es gibt auch keine präventive Therapie und auch noch keine „Genreparatur“  durch ein Medikament oder eine Operation….

ABER : Es gibt bereits Anti-sense Medikamente (d.h die das weitere Ausbreiten der Krankheit verhindern können) … aber auch damit man ist man erst in Phase 1, also ganz am Anfang … Jetzt ist es noch etwas früh, aber später wird es evtl diese Möglichkeit geben, krankmachende Gene „auszuschalten“ …. das gibt Hoffnung.

 

 

 

 

Am Nachmittag gab es noch drei interessante verschiedene Workshops : ein Workshop  über Atemunterstützung/Hustenassistent, ein Workshop  über die pflegerische Unterstützung bei ALS und ein Workshop über Mobilitäts- und Kommunikationshilfen bei der ALS

 

Es gab zahlreiche sehr interessante Informations- und Beratungsstände über Hilfsorganisationen (ALS-Mobil, DGM) über Hilfsmittel, Orthetik, Ernährungsmanagement in der Eingangshalle, die man z.T auch ausprobieren konnte.

 

Artikel von Noémie Desquiotz Sunnen  (14. April 2018)